Wenn jemand sagt, sein Grow laufe bei "24 Grad und 60 Prozent", klingt das nach einer vollständigen Klimabeschreibung. Es ist keine. Diese zwei Zahlen sagen ohne Kontext nichts darüber aus, ob die Pflanze gerade in einem optimalen Dampfdruckdefizit arbeitet — oder ob sie transpiriert wie unter Stress.
Das Problem: Temperatur und relative Luftfeuchtigkeit werden im Growbetrieb fast überall getrennt betrachtet. Jeder kennt Tabellen mit "Veg: 20–26°C, 50–70% RLF". Was diese Tabellen nicht zeigen: dieselbe Luftfeuchtigkeit bei verschiedenen Temperaturen ist physiologisch komplett unterschiedlich.
Warum zwei Zahlen zu wenig sind
Die relative Luftfeuchtigkeit (RLF) ist eine relative Größe — sie beschreibt, wie viel Wasserdampf die Luft im Verhältnis zu ihrer maximalen Kapazität enthält. Diese maximale Kapazität steigt exponentiell mit der Temperatur. Das bedeutet: 60% RLF bei 20°C und 60% RLF bei 30°C enthalten völlig unterschiedliche absolute Wassermengen.
Das Dampfdruckdefizit (VPD) beschreibt den Unterschied zwischen dem tatsächlichen Wasserdampfgehalt der Luft und dem maximal möglichen. Es ist der physikalische Sog, der Wasser aus der Pflanze zieht. Dieser Sog entscheidet über Transpirationsrate, Nährstofftransport und Gasaustausch — nicht die Einzelwerte von Temperatur oder RLF.
VPD — die eigentliche Klimagröße
VPD berechnet sich vereinfacht nach:
VPD = SVP(T) × (1 − RLF/100)
wobei SVP(T) der Sättigungsdampfdruck bei Temperatur T ist (in kPa). SVP steigt von ca. 2,34 kPa bei 20°C auf 3,60 kPa bei 27°C und 4,24 kPa bei 30°C. Dieser exponentielle Anstieg erklärt, warum dieselbe RLF bei höherer Temperatur einen drastisch höheren VPD erzeugt.
Für einen detaillierten Einstieg in VPD-Berechnung, Blattemperatur-Korrektur und Zielwerte pro Phase → VPD verstehen und messen
Drei Szenarien — eine RLF, drei Klimasituationen
| Szenario | Temperatur | RLF | VPD | Klimabewertung |
|---|---|---|---|---|
| Szenario 1 | 20°C | 65% | 0,70 kPa | Gut für frühe Veg — niedriger Transpirationssog |
| Szenario 2 | 26°C | 65% | 1,12 kPa | Oberes Veg-Limit — akzeptabel, aber kontrollieren |
| Szenario 3 | 32°C | 65% | 1,70 kPa | Zu hoch — Stomata schließen, Wachstum reduziert |
Wer nur RLF überwacht und auf Tabellenwerte vertraut, trifft in Szenario 2 und 3 schlechte Entscheidungen ohne es zu merken.
Zielwerte pro Wachstumsphase
| Phase | Temp-Ziel | RLF-Ziel | VPD-Ziel | Begründung |
|---|---|---|---|---|
| Keimling / Steckling | 22–24°C | 70–80% | 0,4–0,6 kPa | Schwaches Wurzelsystem — geringer Transpirationssog nötig |
| Vegetation früh | 22–26°C | 60–70% | 0,6–0,9 kPa | Aufbauphase — moderates Wachstum, Stresstoleranz niedrig |
| Vegetation spät | 24–28°C | 50–65% | 0,9–1,2 kPa | Höherer VPD fördert Nährstofftransport und Stammdicke |
| Blüte früh | 22–26°C | 45–55% | 1,0–1,3 kPa | Terpentwicklung beginnt — moderate Bedingungen |
| Blüte spät | 20–24°C | 40–50% | 1,1–1,5 kPa | Schimmelprävention — RLF senken, Temp etwas reduzieren |
Wo und wie messen
Ein Temperatursensor liefert nur dann aussagekräftige Daten, wenn er korrekt platziert ist. Typische Messfehler:
- Sensor an der Wand: Misst die Wandtemperatur, nicht die Lufttemperatur in der Canopy-Zone. Abweichung 2–5°C möglich.
- Messung im direkten Luftstrom: Ventilator-Luftstrom kühlt den Sensor — gemessene Temperatur zu niedrig, RLF zu hoch.
- Einzel-Sensor für gesamten Raum: Temperatur-Gradient von Boden zu Lampe kann 8–12°C betragen. Ein Wert ist kein Klima.
- Kein Blatttemperatur-Ausgleich: Blattemperatur liegt 2–4°C unter Lufttemperatur. VPD-Berechnung ohne Korrektur überschätzt Verdunstungsrate.
Optimale Sensorposition
Sensor in der Canopy-Zone platzieren — auf Höhe des oberen Laubdaches, mit 15–20 cm Abstand zur nächsten Pflanze und außerhalb des direkten Lüfterluftstroms. Im Growix Core sitzt der SHT4x-Sensor auf einem dedizierten Halterungsarm auf Canopy-Höhe — direkt dort wo die Pflanze das Klima "erlebt".
Growix Klimakontrolle
Das Growix Core System verwendet drei separate Lüfterkreisläufe für präzise Klimakontrolle:
- Zuluft: Gefilterter Außenluft-Einlass mit definiertem Volumenstrom — kontrollierter Feuchtigkeitseintrag
- Umluft: Interner Kreislauf für gleichmäßige Temperaturverteilung und VPD-Homogenität in der Canopy
- Abluft: Unterdrucksystem mit aktivem Kohlefilter — Geruchsneutralisation und konstanter Luftwechsel
Das Unterdrucksystem stellt sicher, dass keine ungefilterte Luft nach außen entweicht. Gleichzeitig erzeugt der kontrollierte Unterdruck einen definierten Luftwechsel, der Temperatur und RLF stabilisiert ohne externe Klimaanlage.
Der SHT4x-Sensor (±1,5% RLF, ±0,2°C) liefert alle 10 Sekunden Messwerte ins Growix OS. Das OS berechnet VPD in Echtzeit und regelt die Lüfterdrehzahlen via PWM automatisch nach.
Typische Klimaprobleme und ihre Ursache
| Problem | Typische Ursache | Diagnose |
|---|---|---|
| RLF steigt nachts stark | Temperaturabfall ohne RLF-Ausgleich | VPD nachts berechnen — oft kritisch niedrig |
| Blätter tacoen unter Lampe | VPD zu hoch, Stomata schließen | Temp senken oder RLF erhöhen bis VPD <1,4 kPa |
| Schimmel in Blüte | RLF >60% bei kühler Nachttemperatur | Nacht-RLF senken, Abluft erhöhen |
| Langsames Wachstum trotz guter Werte | Sensor falsch platziert — Canopy-Klima unbekannt | Sensor auf Canopy-Höhe versetzen und neu messen |