Precision Growing

Temperatur & Luftfeuchtigkeit — warum zwei Zahlen nicht reichen

Warum isolierte Messwerte ohne VPD keine Aussage über das Klima machen

growixclub.de · Lesezeit: 11 Min. ·

Wenn jemand sagt, sein Grow laufe bei "24 Grad und 60 Prozent", klingt das nach einer vollständigen Klimabeschreibung. Es ist keine. Diese zwei Zahlen sagen ohne Kontext nichts darüber aus, ob die Pflanze gerade in einem optimalen Dampfdruckdefizit arbeitet — oder ob sie transpiriert wie unter Stress.

Das Problem: Temperatur und relative Luftfeuchtigkeit werden im Growbetrieb fast überall getrennt betrachtet. Jeder kennt Tabellen mit "Veg: 20–26°C, 50–70% RLF". Was diese Tabellen nicht zeigen: dieselbe Luftfeuchtigkeit bei verschiedenen Temperaturen ist physiologisch komplett unterschiedlich.

Warum zwei Zahlen zu wenig sind

Die relative Luftfeuchtigkeit (RLF) ist eine relative Größe — sie beschreibt, wie viel Wasserdampf die Luft im Verhältnis zu ihrer maximalen Kapazität enthält. Diese maximale Kapazität steigt exponentiell mit der Temperatur. Das bedeutet: 60% RLF bei 20°C und 60% RLF bei 30°C enthalten völlig unterschiedliche absolute Wassermengen.

Das Dampfdruckdefizit (VPD) beschreibt den Unterschied zwischen dem tatsächlichen Wasserdampfgehalt der Luft und dem maximal möglichen. Es ist der physikalische Sog, der Wasser aus der Pflanze zieht. Dieser Sog entscheidet über Transpirationsrate, Nährstofftransport und Gasaustausch — nicht die Einzelwerte von Temperatur oder RLF.

Rechenbeispiel: 65% RLF bei 20°C ergibt einen VPD von ca. 0,70 kPa — guter Veg-Bereich. Dieselben 65% RLF bei 26°C ergeben VPD 1,12 kPa — oberes Ende, für viele Genetiken Stress. Bei 32°C und 65% RLF: VPD 1,70 kPa — deutlich zu hoch, Pflanze schließt Stomata, Photosynthese bricht ein. Drei komplett verschiedene Klimasituationen, eine identische RLF-Zahl.

VPD — die eigentliche Klimagröße

VPD berechnet sich vereinfacht nach:

VPD = SVP(T) × (1 − RLF/100)

wobei SVP(T) der Sättigungsdampfdruck bei Temperatur T ist (in kPa). SVP steigt von ca. 2,34 kPa bei 20°C auf 3,60 kPa bei 27°C und 4,24 kPa bei 30°C. Dieser exponentielle Anstieg erklärt, warum dieselbe RLF bei höherer Temperatur einen drastisch höheren VPD erzeugt.

Für einen detaillierten Einstieg in VPD-Berechnung, Blattemperatur-Korrektur und Zielwerte pro Phase → VPD verstehen und messen

Drei Szenarien — eine RLF, drei Klimasituationen

SzenarioTemperaturRLFVPDKlimabewertung
Szenario 120°C65%0,70 kPaGut für frühe Veg — niedriger Transpirationssog
Szenario 226°C65%1,12 kPaOberes Veg-Limit — akzeptabel, aber kontrollieren
Szenario 332°C65%1,70 kPaZu hoch — Stomata schließen, Wachstum reduziert

Wer nur RLF überwacht und auf Tabellenwerte vertraut, trifft in Szenario 2 und 3 schlechte Entscheidungen ohne es zu merken.

Zielwerte pro Wachstumsphase

PhaseTemp-ZielRLF-ZielVPD-ZielBegründung
Keimling / Steckling22–24°C70–80%0,4–0,6 kPaSchwaches Wurzelsystem — geringer Transpirationssog nötig
Vegetation früh22–26°C60–70%0,6–0,9 kPaAufbauphase — moderates Wachstum, Stresstoleranz niedrig
Vegetation spät24–28°C50–65%0,9–1,2 kPaHöherer VPD fördert Nährstofftransport und Stammdicke
Blüte früh22–26°C45–55%1,0–1,3 kPaTerpentwicklung beginnt — moderate Bedingungen
Blüte spät20–24°C40–50%1,1–1,5 kPaSchimmelprävention — RLF senken, Temp etwas reduzieren

Wo und wie messen

Ein Temperatursensor liefert nur dann aussagekräftige Daten, wenn er korrekt platziert ist. Typische Messfehler:

Häufige Fehler bei der Sensorplatzierung:
  • Sensor an der Wand: Misst die Wandtemperatur, nicht die Lufttemperatur in der Canopy-Zone. Abweichung 2–5°C möglich.
  • Messung im direkten Luftstrom: Ventilator-Luftstrom kühlt den Sensor — gemessene Temperatur zu niedrig, RLF zu hoch.
  • Einzel-Sensor für gesamten Raum: Temperatur-Gradient von Boden zu Lampe kann 8–12°C betragen. Ein Wert ist kein Klima.
  • Kein Blatttemperatur-Ausgleich: Blattemperatur liegt 2–4°C unter Lufttemperatur. VPD-Berechnung ohne Korrektur überschätzt Verdunstungsrate.

Optimale Sensorposition

Sensor in der Canopy-Zone platzieren — auf Höhe des oberen Laubdaches, mit 15–20 cm Abstand zur nächsten Pflanze und außerhalb des direkten Lüfterluftstroms. Im Growix Core sitzt der SHT4x-Sensor auf einem dedizierten Halterungsarm auf Canopy-Höhe — direkt dort wo die Pflanze das Klima "erlebt".

Growix Klimakontrolle

Das Growix Core System verwendet drei separate Lüfterkreisläufe für präzise Klimakontrolle:

Das Unterdrucksystem stellt sicher, dass keine ungefilterte Luft nach außen entweicht. Gleichzeitig erzeugt der kontrollierte Unterdruck einen definierten Luftwechsel, der Temperatur und RLF stabilisiert ohne externe Klimaanlage.

Der SHT4x-Sensor (±1,5% RLF, ±0,2°C) liefert alle 10 Sekunden Messwerte ins Growix OS. Das OS berechnet VPD in Echtzeit und regelt die Lüfterdrehzahlen via PWM automatisch nach.

Typische Klimaprobleme und ihre Ursache

ProblemTypische UrsacheDiagnose
RLF steigt nachts starkTemperaturabfall ohne RLF-AusgleichVPD nachts berechnen — oft kritisch niedrig
Blätter tacoen unter LampeVPD zu hoch, Stomata schließenTemp senken oder RLF erhöhen bis VPD <1,4 kPa
Schimmel in BlüteRLF >60% bei kühler NachttemperaturNacht-RLF senken, Abluft erhöhen
Langsames Wachstum trotz guter WerteSensor falsch platziert — Canopy-Klima unbekanntSensor auf Canopy-Höhe versetzen und neu messen
Kernaussage: Temperatur und RLF sind Eingangswerte — VPD ist der Output, der zählt. Optimiere immer auf VPD, nicht auf Einzelwerte. Zwei Stellschrauben (Temp hoch + RLF hoch, oder Temp niedrig + RLF niedrig) können denselben VPD erzeugen — die Wahl hängt von Genetik, Phase und verfügbaren Stellgrößen ab.
Patreon: Das Growix OS Klimaprotokoll dokumentiert VPD, Temperatur und RLF über den gesamten Grow — mit automatischer Auswertung und Alarm bei Grenzwertüberschreitung. Dazu der Sensor-Placement Guide mit Halterungsplänen für den Growix Core. → growixclub auf Patreon
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